WARUNG: Dies ist ein sehr subjektiver Artikel der schon lange in meinem Entwürfen lag und nun endlich veröffentlich werden will.
Ein Beispiel aus der Lehre und dem Einsatz von eLearning-Elementen wäre ein Seminar mit einem begleitenden ePortfolio in Form eines Weblogs.
Der Begriff Portfolio (lat. portare „tragen“ und folium „Blatt“), selten Portefeuille, bezeichnet eine Sammlung von Objekten eines bestimmten Typs. Aus der Schulzeit ist mir das im Grunde bekannt, man hat alle Arbeitsblätter und die eigenen Notizen in einer Mappe gesammelt. Auch die Hausaufgaben wurden dort hineingetan. Ganz früher haben wir auch zu bestimmten Büchern so genannte Lesetagebücher erstellt. Wir haben also, während ein Buch gelesen und im Unterricht behandelt wurde, dort Zusammenfassungen geschrieben, Bilder gemalt oder Fotos eingeklebt. Also so gesagt haben wir damals schon ein Portfolio geführt. Dieses mussten wir nach Beendigung dem Lehrer abgeben und bekamen eine Note dafür. Dies empfand ich immer als besonders lästig, denn es war, meiner Meinung nach sehr unfair. Da die genauen Anforderungen selten offen waren, hatte man häufig das Gefühl, dass nach „Schönheit und Ästhetik“ benotet wurde. Nur weil Lisa Müller besser zeichnen konnte, bekam sie immer die bessere Note. Und hier sind wir quasi wieder bei dem Problem, welches sowohl auf der Campus Innovation 2009 als auch auf dem EduCamp 2010 in Hamburg zur Sprache kam. Beim EduCamp wurde das Ganze als „ePortfolio Paradoxon“ bezeichnet. Beide Diskussionen behandelten den Einsatz von ePortfolios in der Lehre und wie genau man damit umgeht bzw. umgehen kann. Kann man so etwas verpflichtend von Studierenden erwarten? Auf welche Probleme und Wiederstände stößt man dabei?
An einem persönlichen Beispiel kann ich die Sicht einer einzelnen Studierenden und ihrem subjektivem Blick auf dieses Paradoxon aufzeigen.
Vor gut zwei Jahren habe ich ein Seminar besucht, in welchem das Führen eines ePortfolios obligatorisch war. Wir lernten mehrere Arten kennen (Wiki, Bolgs, StudiLog). Die meisten entschieden sich wegen seiner Einfachheit für einen Blog. Die Einrichtung ging recht schnell und war (fast) immer selbsterklärend. Und wenn wir doch mal Hilfe brauchten, wurden wir von einem Tutor unterstützt.
Nun wurde das erste Problem klar:
Was schreibe ich in meinen Blog? Mir hatte man erklärt, dass dies ein studienbegleitendes Werkzeug sein sollte und ich dort meinen Lehrfortschritt reflektieren solle. Nur wie genau macht man dies? Die Lesetagebücher, die ich bisher aus meiner Schulzeit kannte, hatten immer mit gestellten Aufgaben zu tun. Ich wusste also genau, was ich reinschreiben sollte.
Nun saß ich also vor meinem leeren Blog und schaute immer wieder auf die Willkommensnachricht von WordPress. Die ersten Artikel drehten sich immer wieder um die Frage, was ich bloß schreiben soll. Nach ein paar Wochen gab ich das Ganze auf.
Ein Jahr später besuchte ich wieder zwei Seminare, in denen das Schreiben eines Blogs zur Seminarbeschreibung gehörte. Und wieder war für mich die Frage, was schreibe ich bloß?
Wir machten einen spannenden Einstieg, indem wir einfach einen Essay zu unserem Seminarthema schreiben sollten. So war zumindest der erste Artikel online und man konnte erleben, wie es ist etwas zu veröffentlichen. Es wurde uns frei gestellt, ob wir das Ganze auch Passwort geschützt einstellen wollten.
Die ersten Zweifel kamen. Wer interessiert sich wirklich für das, was ich da schreibe, ich bin Studentin und keine Wissenschaftlerin was, kann ich da schon großes Neues schreiben? Mein Gott, wenn da nun Rechtschreibfehler drin sind? Was ist, wenn ich damit zeige, wie unwissend ich bin? Mache ich mich damit nicht angreifbar? Wer genau liest das bloß und bildet sich nur deswegen eine Meinung über mich? Nachdem ich mir das alles überlegt habe und mir vorgenommen habe, diese Fragen auf später zu verschieben konnte es also endlich losgehen.
Aber eine Sache wollte einfach nicht gelingen. Meinen Lernerfolg zu reflektieren und niederzuschreiben fiel mir weiterhin noch schwer. Und ich denke, dass dies ein generelles Problem ist. Es hat nichts damit zu tun, dass wir das Ganze in einem Blog schreiben, auch wenn ich das auf Papier schreiben sollte, wüsste ich nicht, wie man das macht.
Eigentlich waren uns die Inhalte frei gestellt, aber nachdem durch diese offene Form immer mehr Kommilitonen absprangen, wurden Hausaufgaben verteilt. Diese sollten also im Blog ausgearbeitet werden. Für mich persönlich war dies super. Da ich mir keine Gedanken mehr über den Inhalt machen musste, ich hatte eine Aufgabe und habe diese einfach schriftlich gelöst, konnte ich mich mit den anderen Problemen beschäftigen.
Zum Einen musste ich immer noch mit der Technik kämpfen. Nach der ersten Zeit merkte ich nun, was ich gerne anders hätte sowohl an Funktionen als auch am Layout. Zum Anderen konnte ich nun üben, diese Form der Arbeit in meinen Lebensalltag und Ablauf zu packen. Wenn ich sonst Texte für ein Seminar lesen musste, dann konnte ich das überall tun. Ich hatte meine Zettel immer mit dabei und den Marker in der Hand. Nun musste ich mich aber an den PC setzen, mir die Ruhe lassen dies zu schreiben und dann auch noch auf Layout, Absätze etc. achten. Dafür ist aber zum Einen Grundvoraussetzung, einen funktionierenden PC zu haben, einen Internetzugang, der kontinuierlich stabil ist und ganz besonders braucht man Zeit.
Häufig habe ich gehört, dass gerade die Kommentarfunktion bei den Blogs ein großes Plus für diese Art des Schreibens ist. Man kann andere kommentieren und man bekommt selber Kommentare. Allerdings bin ich der Meinung, dass sich diese Kultur leider noch nicht durchgesetzt hat. Zwar habe ich mir die Zeit genommen, immer mal wieder in die Blogs und Artikel meiner Kommilitonen zu schauen, aber was für einen Kommentar könnte ich da abgeben? Wir haben uns meistens mit denselben Themen beschäftigt, war ja auch Aufgabe. Am liebsten wäre es mir gewesen, dass meine Dozenten meine Texte lesen würden und diese kommentieren. Allerdings ist mir völlig klar, dass dies utopisch ist. Zum Einen kann ich nicht erwarten, dass diese sich die Zeit nehmen und sich von jedem Studierenden in jedem Kurs jede Woche die Blogeinträge durchlesen und kommentieren und zum Anderen ist es sicher auch nicht sehr erquicklich, ständig das Gleiche nur in anderen Worten zu lesen. Dabei kommen wir dann zu dem Punkt: Für wen schreibe ich diesen Blog? Schreibe ich ihn nur für meinen Dozenten, für meine Kommilitonen oder nur für mich? Wenn ich es aber nur für mich schreibe, warum sollte ich dies dann öffentlich im Internet tun? Kann ich das Ganze einfach nun reduzieren und sagen, dass ich es nur für mich schreibe um meine Gedanken und Ergebnisse in schriftlicher Form einfach im Internet zu konservieren? Würde es dann nicht auch reichen, wenn ich das auf Papier schreibe und in einem Ordner ablege? Und auch hierbei komme ich wieder auf die Frage, wie genau reflektiere ich denn nun meinen Lernerfolg? Da ich persönlich froh bin, meine Seminaranforderungen zu bewältigen, fällt es mir wirklich schwer in meinen Alltag von Uni und Arbeit noch weitere „freiwillige“ Texte zu schreiben.
Je länger ich mich mit diesem Thema beschäftige, desto mehr Fragen tauchen auf.
Gleichzeitig fällt mir auf, dass ich mittlerweile unheimlich gerne Blogs anderer lese. Durch die Möglichkeit der Verlinkung von Artikeln, Fotos etc. komme ich hierbei immer wieder von einem interessanten Thema zum nächsten. Ich könnte mich manchmal fast darin verlieren und finde es spannend, wie viele Menschen zu einem für mich relevanten Thema Einträge veröffentlichen. Demnach ist das Netz mit seinen Möglichkeiten darauf angewiesen, dass hier ein „Geben und Nehmen“ herrscht. Vielleicht bin ich hierbei noch zu sehr von hierarchischen Gedankenmustern beeinflusst. Warum sollte einen Prof., der sich seit Jahren mit diesem Thema beschäftigt, die Meinung einer Studentin interessieren? Auch möchte ich nicht das Gefühl vermitteln, dass ich mich anbiedern möchte. Aber hat nicht jeder klein angefangen? War nicht Jeder noch auf der Suche nach seinem Thema und musste sich orientieren?
Wenn jetzt aber das Führen eines ePortfolios obligatorisch ist und vielleicht sogar das Schreiben einer Seminararbeit, Hausarbeit oder Klausur ablösen soll kommen wir wieder zum Thema Noten. Wie soll denn die Benotung erfolgen? Wenn ich keine abzuarbeitenden Hausaufgaben in meinen Blog schreiben soll, sondern wirklich meinen Lernprozess dokumentiere, dann kann doch kein Dozent der Welt dafür eine Note verteilen. Es gibt immer Seminare, in denen ich mal mehr oder auch mal weniger lerne, die mich weiterbringen oder auch nicht, in denen ich lerne oder auch nur schon Bekanntes wiederhole. Das darf doch niemand mit einer Note bewerten. Ebenfalls muss man so viele Variable einbeziehen. Eigentlich kann man ein ePortfolio nur als Ergänzung einführen und den Studierenden bei dem Kompetenzerwerb der Reflexion helfen. Aber die Reflexion selber darf man nicht beurteilen.
Der Artikel ist wie oben schon geschrieben recht alt. Aber vielleicht kann ich ja bald einen weiteren Erfahrungsbericht schreiben.